der Filmtip: „BRAZIL“

von Terry Gilliam, 1985

(leider kein deutscher Trailer verfügbar, daher hier in englisch)

Mit „Brazil“ entführt uns Terry Gilliam in eine dystopische Welt der Zukunft, die sich vor allem durch übermäßige Bürokratie und eine oberflächliche Konsumgesellschaft auszeichnet. Für alles und jeden gibt es ein anderes Formular und eine andere Nummer. Der Mensch wird zum Objekt degradiert, ist lediglich ein funktionierendes Teil im System. Dieses System wird von Menschen getragen, die es nicht hinterfragen, sondern sich einfügen, und das ist leider der Großteil der Bevölkerung. Diejenigen, die sich gegen das System stellen, und wenn es nur darum geht, auf einen Tippfehler hinzuweisen, werden sofort verdächtigt, Terroristen zu sein, und früher oder später unschädlich gemacht. In dieser Welt ist alles künstlich und jeder Quadratmeter ist zugebaut, sodass nicht eine Pflanze im Freien zu finden ist. Einzig die Straßennamen erinnern noch an etwas Natürliches. Zudem ist Ignoranz offensichtlich zur Volkskrankheit geworden, denn selbst als in einem Restaurant eine Bombe explodiert, lassen sich einige Gäste nicht beim Essen stören und tun so, als sei nichts gewesen. Die Idee, einem anderen Menschen zu helfen oder wenigstens Mitgefühl zu zeigen, scheint nur den Wenigsten noch in den Sinn zu kommen, solche Beispiele finden sich in diesem Film genug.

In dieser Welt lebt auch Sam Lowry (Jonathan Price), der Protagonist des Films. Lowry ist selbst nur ein kleines Rädchen in diesem Bollwerk und zu Beginn des Films mit seiner Anonymität sehr zufrieden und ohne weiterführende Ambitionen. Erst als er die Frau aus seinen Träumen trifft, versucht er langsam, aus dem System auszubrechen, um sich ihr zu nähern. So ist der Film vor allem vom Kampf Sams gegen sich selbst geprägt, bildlich dargestellt in einer Traumsequenz, in der Sam einen riesigen Samurai tötet und dann feststellt, dass er selbst dieser Samurai war.

Die verschiedenen Traumsequenzen scheinen im ersten Moment nicht viel zu bedeuten, doch sind sie Vorausdeutungen und zeigen dem Zuschauer, wie Sams Welt langsam auseinanderbricht und er seinem unausweichlichen Ende entgegenläuft. Dies wird vor allem durch den Wechsel der Farben hervor gehoben. So sind die ersten Träume noch sehr hell und spielen in einer natürlichen Umgebung, doch bald ändert sich die Szenerie und es entsteht eine düstere Atmosphäre. Aus dem Traum ist schon bald ein Albtraum geworden. Auffällig ist, dass die Träume sich erst ändern, als auch in Sams realem Leben sein normaler Trott in Form einer Beförderung aus den Fugen gerät. Dies lässt schon früh darauf schließen, dass Realität und Traum miteinander zusammen hängen.

Im Laufe des Films verschwimmt die Grenze zwischen beidem immer mehr, sodass der Zuschauer kurz vor dem Ende nicht mehr weiß, was nun wirklich passiert. Diese Verschmelzung ist ein Sinnbild für das Verschmelzen von Wahrheit und Lüge im System, aber zeigt auch, dass Sam selber nicht mehr weiß, was nun real ist.

Diese Welt ist mehr Schein als Sein. So gibt das System vor, keine Fehler zu machen, obwohl es sogar daran scheitert, ein Loch in der Decke wieder richtig zu schließen. Diese Fehler entstehen meist durch die fehlende Kommunikation zwischen den verschiedenen Institutionen. Und auch die Menschen geben sich nach außen vollkommen anders, als sie sind. Bestes Beispiel dafür ist Jack (Michael Palin), ein „Freund“ Sams, der nach außen wie ein netter Familienvater wirkt, aber sich letztendlich als kriecherischer, gewissenloser Folterknecht erweist, der sich nicht einmal den Namen seiner Tochter merken kann.

Es gibt einige lustige Szenen, aber dieser Film ist eine bittere Satire, eigentlich schon eine Tragödie. Am Ende wird keiner mehr lachen…

Gilliam kritisiert hier in starkem Maße einen Staat, der die Menschen allzu sehr verdinglicht und für seine Bürger immer undurchsichtiger wird, gleichzeitig aber immer mehr ins Privatleben der Menschen eingreift. Gilliams Kritik gilt aber auch dem Durchschnittsbürger, der dieses Bollwerk mitträgt, ohne sich zu widersetzen. Die Versuche Einzelner, sich dem System zu widersetzen, sind somit letztendlich zum Scheitern verurteilt. Genauso ist in „Brazil“ auch eine Kritik an der Kirche vorhanden. Sie wird als oberflächliche, ausgehöhlte Institution dargestellt, die sich dem System gebeugt hat.

„Brazil“ ist ein sehr vielschichtiger Film, der einen kritischen Rundumschlag vollzieht und viele verschiedene Themen aufgreift, anschneidet und oft auch wieder fallen lässt, sodass dieser Film eine riesige Bandbreite an Interpretationen und Schwerpunktsetzungen zulässt.

– Auszug einer Rezension-

„Die Geschichte wird in einer Mischung aus surrealistischen Traumvisionen, rasanten Action-Turbulenzen und bitterböser Satire erzählt: Kino als Geisterbahnfahrt. Perfekt inszeniert, aber allzu sehr auf Überwältigung der Sinne setzend.“

– Lexikon des Internationalen Films

„Kaum zu glauben, dass die brillant-bizarre Groteske seit über elf Jahren zu keiner vernünftigen Sendezeit mehr ausgestrahlt wurde. Dabei zählt der bildgewaltige Geniestreich von Terry Gilliam (‚Time Bandits‘) zu den großen Kultwerken der Filmgeschichte – angesiedelt zwischen Franz KafkaGeorge Orwell und durchgeknallter Monty-Python-Anarchie. Fazit: Worte reichen nicht – man muss es sehen!“

– Cinema

„Ein hochgradig einflussreicher, nicht zuletzt visuell herausragender Beitrag zum Science-Fiction-Genre, der sich dank seiner Überfülle an Ideen und seinem durchwegs großartigen Ensemble längst zum Klassiker gemausert hat.“

– Filmzentrale

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