Schreiben mit Gunnar Kaiser

Konzentration.

Im Hier und Jetzt.

Allein mit 27 anderen, fremden Menschen in einem virtuellen Raum voller leichter, seichter Klaviermusik.

Allein – nur mit mir und meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meinen ach so wirren und kruden Vorstellungen eines erfüllten Lebens, gepaart mit einer Schwermut, die nicht nur mich dieses Jahr überwältigte, nachdem alles, was man tat, um aufzuklären, aufzuwecken und standzuhalten, zu scheitern scheint bezüglich einer Übermacht aus Dekadenz und Machtspielen.

Ich will hier nicht das böse Wort schreiben, welches in aller Munde hinter fratzenhaften Masken zu sein scheint, nicht das Un-Wort aller Böshaftigkeit, zu der Menschen – verbal und in ihrem ach so zivilisierten Handeln – fähig sind, zu Papier bringen.

Ich hatte die Gefahr erkannt, früh gewarnt, mich der Lächerlichkeit bis heute preisgegeben, Schimpf und Schande erfahren, Ablehnung, Abscheu, Ausgrenzung; doch all das kannte ich schon – es war also nichts Neues in meinem Leben.

Viele fremde Mensch lernte ich kennen dieses Jahr, ich, der Einsiedler, der nie unter Menschen ging, sich souverän einschätzte und stolz darauf war, keine Freunde zu haben.

Allein, nur mit mir.

Doch das war ich schon seit Jahren nicht mehr, seit der Zeit, in der ich meine Liebe traf, spätestens jedoch, seitdem das Glück eine Tochter bescherte.

Sie waren es, denen ich mein Leben widmen wollte, nur ihnen, für sie sorgen – und für mich.

Lernen, reifen, achtsam sein, sein Ego kleiner und kleiner werden lassen, bis es in der Frucht der kleinen Familie untergeht und dort wieder erblüht.

Doch dann kam dieses verfluchte Jahr, ein Jahr, welches ich so nie erlebte, wie es keiner von uns auf dieser gottverdammten Welt erlebt hatte.

Und ich ging auf die Strasse, zeigte Gesicht, lernte Menschen kennen – und Gefühle, die ich nie für möglich gehalten hätte, Gefühle von Menschlichkeit, Empathie, Miteinander und, und, und.

Ich wurde reich und ich wurde belohnt: durch fremde Menschen, die meine Ängste, Sorgen und Nöte teilten, die da waren für mich, für uns, und denen auch ich ein Gefährte wurde in unserer gemeinsamen Sache. Bis heute treffen wir uns mindestens einmal die Woche und sind einfach nur füreinander da. Wir reden, wir kochen, wir essen, wir sind da – für uns. Obwohl wir uns kaum kennen.

In den früheren Zeiten hätte es wohl kaum ein Phänomen gegeben, das uns zusammengeführt hätte, aber in diesen Zeiten…

Aber jetzt geht die Zeit immer weiter und tiefer ins Land und ich verzweifle. Auch meine neuen Menschen können mir nicht die Kraft und Energie geben, die ich suche und brauche.

Selbst meine Familie nicht – nur ein ganz klein wenig, aber es reicht nicht.

Ich glaube, ich habe mich unterwegs verloren, muss mich konzentrieren, muss mich selbst wiederfinden. Vielleicht bei einer kleinen Musik auf einem Klavier. Vielleicht in einer kleinen Runde mit fremden Menschen. Virtuell. Gemeinsam. Allein.

So komme ich zu mir, denn nur dort bin ich ich selbst. Bei mir sollte alles gut sein. Mit mir sollte ich nicht einsam sein. Zu mir kann ich doch stehen. Über mich kann ich nachdenken, mein Handeln bewerten und auch in Frage stellen. Bei mir darf ich das.

Ich bin mehr als ich bin, und in mir weiß ich das!

Alles wird gut, das sage ich meiner Tochter, und sie schaut mich an und glaubt mir, auch wenn sie weiß, dass ich das doch gar nicht wissen kann. Sie vertraut mir, wie meine Frau. Auch ich vertraue den beiden.

Alles wird gut, das ist das Gefühl der Hoffnung, das sind die Worte des Tröstens, des Kraft-Gebens, das ist das Motto der wahren Menschen, die füreinander da sind.

Alles wird gut. Und wann? Am Ende! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es auch noch nicht zu Ende!

Ich werde weitergehen, standhaft bleiben, meine Meinung nicht jedem auf die Nase binden, aber dort, wo´s angebracht ist, sie herausschreien und dafür einstehen!

Ich kann das, das weiß ich. Und warum? Weil ich mich immer wieder konzentrieren kann, mich herausnehmen kann aus dem perfiden Spiel des Lebens, jeden Tag, wenn ich es brauche.

Ich denke also bin ich.

So bin ich es, der mir die Kraft gibt, die ich allzu oft zu verlieren scheine, so bin ich es, der der Hüter meiner Souveränität ist, aus mir selbst heraus, nur durch Fokussierung und Konzentration.

Gleich werde ich zu meiner Frau und zu meiner Tochter gehen und sie beide küssen, ihnen zeigen, wie sehr ich sie liebe, ihnen das auch sagen.

Die Blicke aus ihren Augen werden liebevoll sein, überrascht vielleicht, amüsiert – aber liebevoll. Sie werden wissen, dass ich aus meinem Arbeitszimmer komme und dort eine gute Stunde mit mir selbst war – und das es mir gut getan hat.

Vielleicht kann ich etwas weitergeben – und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm.

Gunnar hat mir eine Stunde geschenkt – und ich habe sie angenommen, keinen Schimmer, was ich mit ihr machen sollte. Ich habe sie genutzt. Ich habe mich konzentriert – auf mich selbst und auf das was in mir ist und auf das, was ich hier schrieb.

Er hat das gut gemacht – und ich auch.

Danke…

Klaus Eck