Sicht einer Schulsozialarbeiterin einer Förderschule zum Umgang mit Masken in der Schule

Seit Einführung der Maskenpflicht Ende April 2020 werden Masken bei uns an der Schule auf den Fluren und auf dem Schulhof getragen. Zuerst durch die Schule beschlossen und seit dem neuen Schuljahr auch durch den Staat. Seit einer Woche gilt nun die Maskenpflicht auch während des Unterrichts. Was hat das für Auswirkungen auf die Schülerinnen und Schüler? Auf das Miteinander?

In unserer kleinen Förderschule werden Kinder und Jugendliche unterrichtet, die schon vor Corona hauptsächlich aus den ärmeren Schichten unserer Gesellschaft kommen. In ihrem Milieu sozialisiert haben es viele schwer sich so zu entwickeln, dass sie einen anderen Weg als ihre Eltern einschlagen, denn Kinder orientieren sich immer an ihren Eltern. Vermitteln diese das Bild, dass es in Ordnung ist, von staatlichen Hilfen zu leben, so wird es das Kind schwer haben, aus sich heraus (intrinsische Motivation) einen anderen Weg zu gehen. Um so wichtiger ist es für Lehrer und Lehrerinnen sowie die Schulsozialarbeit den Schülerinnen und Schülern ein anderes Bild der Welt zu vermitteln um ihnen die Chance zur Wahl der Sichtweisen zu geben.

Der Lockdown hatte zur Folge, dass es noch schwerer war an die Schülerinnen und Schüler ranzukommen. Oft ist die Schule der einzige Ort in ihrem Leben, wo sie mit anderen Strukturen konfrontiert werden. Während es einige gut hinbekamen, auch zu Hause die Aufgaben der Lehrkräfte zu erledigen, ist es doch anderen sehr schwer gefallen. Zumal hier auch die persönliche Unterstützung (nicht nur telefonisch) der Lehrkräfte fehlte.

Für mich als Schulsozialarbeiterin ist der persönliche Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern essentiell. Frei nach dem Motto „Aus den Augen aus dem Sinn“, geht der persönliche Kontakt und auch der Blick auf ein anderes Denken außerhalb des häuslichen Rahmens schnell verloren, wenn man sich nicht täglich sieht.

Nun gibt es also schon seit einigen Monaten die Maskenpflicht an der Schule. Meine Beobachtung ist, dass die meisten Schülerinnen und Schüler die Vorgaben erfüllen, weil es sich so gehört und von oben angeordnet ist.  Vor Einführung der Maskenpflicht im Unterricht gab es einzelne Schüler, die auch während des Unterrichts ihre Maske nie absetzen wollten. Ich sprach sie bewusst darauf an und erlaubte Ihnen, die Maske abzusetzen. Sie wollten nicht. Ein Mädchen (9) und ein Junge (10) erklärten mir, dass sie zu Hause Verwandte aus einer Risikogruppe haben. Sie hätten Angst, dass sie das Virus mit nach Hause bringen und die Erwachsenen anstecken könnten. Der Junge ließ sich überhaupt nicht, das Mädchen nur bei ganz viel Abstand dazu bewegen, mal ohne Maske durchzuatmen.

Ein weiterer Junge (13) war seit Beginn des Lockdowns nicht mehr in seiner Klasse. Seine Eltern haben dafür gekämpft, dass er auch mit Beginn des neuen Schuljahres zu Hause unterrichtet werden darf, weil ein Verwandter einer Risikogruppe angehört. Der Junge hatte schon vor Corona Schwierigkeiten mit Gruppen, bei gemeinsamen Spielen oder Übungen versuchte er sich stets zu entziehen, auf dem Schulhof stand er meist abseits. Nun durch Corona hat er so viel Angst vor dem Virus, dass er deshalb nicht zur Schule kommt und als Konsequenz das komplette Jahr wiederholen muss. Die Beschulung aus der Entfernung verläuft nur dürftig, da selbstverständlich kein Elternteil eine Lehrkraft ersetzen kann! Ich telefoniere nun einmal wöchentlich mit ihm um den Kontakt nicht zu verlieren. Positiv sei noch zu erwähnen, dass die Abstinenz von der Schule zumindest bewirkt hat, dass er das soziale Leben in der Schule vermisst. Gleichzeitig fehlt ihm bald ein komplettes Schuljahr an Integration in eine Gemeinschaft.

Mit Bekanntwerden des Zweiten Lockdowns hat nun auch die Mutter des 9-jährigen Mädchen entschieden, dass ihre Tochter bis auf Weiteres wegen der von der Regierung genannten erhöhten Ansteckungsgefahr nicht mehr in die Schule geht. Die Gründe dafür habe ich bereits ein paar Zeilen zuvor ausgeführt. Hierbei sei noch zu erwähnen, dass das Mädchen aus einer Kultur kommt, in der Mädchen ohnehin schon oft eine Zukunft als frühe Hausfrau und Mutter haben. Ein Fernbleiben in der Schule aus aktuellen Gründen birgt die Gefahr, diesen Prozess zu beschleunigen und dem Mädchen ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zu verwehren.

Nicht alle aber dennoch ein Teil der Kinder und Jugendlichen haben Angst, ihre Verwandten anzustecken. Sollten Kinder nicht unbeschwert und mit Leichtigkeit aufwachsen? Haben wir Erwachsene nicht die Aufgabe Kindern zu vermitteln, an die eigene Stärke sowie unsere Selbstheilungskräfte zu glauben und an das Gute im Leben? Den Lehrkräften wird gesagt, dass wir ein Vorbild sind, wenn wir auch als Erwachsene eine Maske tragen und es den Kindern vormachen. Selbstverständlich liegt es in meiner Aufgabe als Pädagogin den Kindern die Maßnahmen positiv zu vermitteln. Aber bin ich ein Vorbild, wenn ich durch die Maske immer wieder die Angst symbolisiere und es dem Kind/Jugendlichen verwehre Gestik und Mimik zu sehen? Bin ich ein Vorbild, wenn

Aus meiner Sicht muss sich die Gesellschaft und der Staat mit diesen Fragen besser gestern als heute beschäftigen.

Anonym / 10-2020